Münster 1933–1945

Münster im Nationalsozialismus: Herrschaft, Verfolgung und Krieg in der Stadt

Die NS-Zeit in Münster war mehr als Bombenkrieg und Zerstörung. Die Stadt wurde zur Gauhauptstadt Westfalen-Nord, Verwaltung, Partei und Polizei trugen die Diktatur mit, jüdische Münsteranerinnen und Münsteraner wurden entrechtet und deportiert, tausende Menschen mussten Zwangsarbeit leisten. Zugleich gab es Widerspruch und Widerstand. Die Spuren dieser Geschichte liegen bis heute mitten in der Stadt.

Zurückhaltende historische Illustration der Villa ten Hompel in Münster mit zeittypischem Straßenbild der Jahre 1933 bis 1945
Villa ten Hompel: stilisierte Annäherung an einen zentralen Ort der Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Täterstrukturen in Münster
Zeitraum1933–1945
Kommunalwahl 1933NSDAP 40,2 %
Zwangsarbeitrund 12.000 Menschen
Kriegsende2. April 1945

Heute sichtbar

Zentrale Lern- und Erinnerungsorte heute

Villa ten Hompel und Stadtmuseum sind die wichtigsten heutigen Orte für die vertiefte Auseinandersetzung. Die NS-Topografie war jedoch wesentlich größer: Synagoge, Gertrudenhof, Gestapo-Dienststellen, Zwinger und zahlreiche Zwangsarbeitslager lagen über die Stadt verteilt.

© OpenStreetMap-Mitwirkende

Villa ten Hompel

Der Geschichtsort erinnert an Ordnungspolizei, Nationalsozialismus, Entnazifizierung, Wiedergutmachung und Demokratie.

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1933: Wie die Diktatur in Münster Fuß fasste

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, begann auch in Münster der schnelle Umbau von Demokratie und kommunaler Selbstverwaltung zur Diktatur. Bei der Kommunalwahl im März 1933 erreichte die NSDAP in Münster 40,2 Prozent und wurde stärkste Partei. Das bedeutete noch keine geschlossene nationalsozialistische Stadtgesellschaft – aber es verschaffte der Partei eine starke Ausgangsposition, um Verwaltung, Vereine, Verbände und öffentliches Leben immer weiter zu kontrollieren.

Andere Parteien und Organisationen wurden ausgeschaltet oder zur Anpassung gezwungen. Politische Gegner verloren Ämter und Handlungsmöglichkeiten, öffentliche Institutionen wurden auf die Ziele des Regimes ausgerichtet. Münster wurde Sitz des NSDAP-Gaus Westfalen-Nord. Die Funktion als Gauhauptstadt war nicht nur ein Titel: Partei, Behörden und militärische Einrichtungen konzentrierten sich hier und sollten die Bedeutung Münsters im nationalsozialistischen Staat sichtbar machen.

Groß angelegte repräsentative Umbaupläne blieben weitgehend unrealisiert. Tatsächlich gebaut wurden vor allem militärische Anlagen – ein Hinweis darauf, wie eng die Stadtentwicklung der 1930er Jahre mit Aufrüstung und Kriegsvorbereitung verbunden war.

Gleichschaltung bedeutete Eingriffe in fast alle Lebensbereiche

Politik und Verwaltung

Kommunale Institutionen verloren ihre demokratische Eigenständigkeit. Leitungspositionen wurden im Sinne des Regimes besetzt, politische Konkurrenz ausgeschaltet und Verwaltungsentscheidungen zunehmend in die nationalsozialistische Herrschaftsordnung eingebunden.

Verbände und Öffentlichkeit

Vereine, Berufsverbände, Jugendorganisationen und kulturelle Einrichtungen gerieten unter nationalsozialistischen Einfluss. Wer nicht in die ideologischen und organisatorischen Vorgaben passte, wurde ausgegrenzt oder verfolgt.

Militär und Aufrüstung

Münster war schon lange Garnisonsstadt. In der NS-Zeit verstärkten Kasernenbau, militärische Dienststellen und Kriegsvorbereitung diese Funktion noch einmal deutlich.

Gauhauptstadt als Anspruch

Der Status als Hauptstadt Westfalen-Nords sollte Münster politisch und städtebaulich aufwerten. Das Regime verband lokale Verwaltung, Parteiapparat und propagandistische Selbstdarstellung.

Jüdisches Leben: von Ausgrenzung und Entrechtung zur Deportation

Die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung begann nicht erst mit den Deportationen. Seit 1933 wurden jüdische Münsteranerinnen und Münsteraner schrittweise aus dem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und öffentlichen Leben gedrängt. Boykottmaßnahmen, Berufsverbote, antisemitische Gesetzgebung und gesellschaftlicher Druck zerstörten Lebensgrundlagen und zwangen viele Menschen zur Emigration.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge an der Klosterstraße in Brand gesetzt und schwer zerstört. Jüdische Einwohner wurden misshandelt, Wohnungen und Geschäfte demoliert. Der heutige Synagogenbau steht wieder am historischen Ort; ein Gedenkstein erinnert dort an das zerstörte Gotteshaus und die verfolgte Gemeinde.

Ab 1939 mussten jüdische Menschen in Münster teilweise in sogenannten „Judenhäusern“ leben. Im Dezember 1941 begann die systematische Deportation. In der Gaststätte Gertrudenhof an der Ecke Warendorfer Straße/Kaiser-Wilhelm-Ring wurden vom 10. bis 12. Dezember 1941 insgesamt 390 Jüdinnen und Juden aus Münster und dem Münsterland festgehalten. 105 von ihnen stammten aus Münster. Am 13. Dezember wurden sie vom Güterbahnhof nach Riga deportiert. Weitere Transporte folgten 1942, unter anderem nach Theresienstadt.

Die Bilanz zeigt die Dimension der Verfolgung: Von 708 vor dem Krieg in Münster ansässigen Jüdinnen und Juden starben nach Angaben des Stadtarchivs 275 in Konzentrationslagern. 24 überlebten die Verfolgungszeit, vier weitere im Untergrund; 280 Menschen konnten emigrieren. Hinter diesen Zahlen stehen Familien, Nachbarschaften, Geschäfte und Biografien, die aus dem Stadtleben herausgerissen wurden.

Wie von Münster aus NS-Gewalt organisiert wurde

Münster war nicht nur Schauplatz nationalsozialistischer Verfolgung, sondern auch Verwaltungs- und Täterstandort. Besonders sichtbar wird das an der Villa ten Hompel. Von 1940 bis 1944 befand sich dort der Sitz des Befehlshabers der Ordnungspolizei im Wehrkreis VI. Die dortige Verwaltungsstruktur reichte weit über die Stadt hinaus und verband Münster mit Polizeieinsätzen, Besatzungspolitik und Massenverbrechen im deutsch besetzten Europa.

Der Geschichtsort Villa ten Hompel arbeitet heute heraus, wie bürokratische Planung, Personaleinsatz und Polizeiorganisation Bestandteil der nationalsozialistischen Gewaltpolitik waren. Damit verschiebt sich der Blick von wenigen prominenten Tätern auf Behörden, Schreibtische, Befehlsketten und viele beteiligte Institutionen.

Auch die Geheime Staatspolizei war in Münster präsent. Der Zwinger an der Promenade diente bis zu seiner Teilzerstörung Ende 1944 als Inhaftierungs- und Hinrichtungsstätte der Gestapo. Dort wurden unter anderem polnische und sowjetische Gefangene ermordet. Heute ist die Ruine ein Mahnmal für die Opfer von Gewalt.

Stadtmuseum: aktuelle Zwinger-Informationen ↗

Zwangsarbeit gehörte zum Kriegsalltag in Münster

Mit dem Krieg wuchs der Arbeitskräftemangel. Rund 12.000 Menschen wurden nach Angaben des Stadtarchivs während des Zweiten Weltkriegs zur Zwangsarbeit nach Münster verschleppt: Kriegsgefangene sowie zivile Männer, Frauen und Kinder aus vielen besetzten Ländern. Ihre Behandlung hing stark von Herkunft und rassistischer Einstufung durch das NS-Regime ab.

Sie arbeiteten unter anderem in Industrie, Handwerk und Landwirtschaft, in Betrieben, bei öffentlichen Aufgaben und in der Trümmerräumung nach Luftangriffen. Die Unterbringung erfolgte in Lagern, Baracken, Kasernen, Schulen, Gaststättensälen und anderen provisorischen Quartieren. Das Stadtarchiv hat inzwischen mehr als 180 Unterbringungsorte im heutigen Stadtgebiet nachgewiesen. Zwangsarbeit war deshalb kein abgelegenes Randphänomen, sondern im Stadtbild und im Alltag sichtbar.

Hunger, schlechte Unterbringung, Diskriminierung und Gewalt prägten das Leben vieler Betroffener. Nach der städtischen Kriegsbilanz starben von den rund 12.000 ausländischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern mindestens 900 Menschen infolge der unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen; darunter waren 90 Hinrichtungen.

Widerspruch, Widerstand – und die Frage nach der Mehrheit

Die Stadtgesellschaft bestand nicht nur aus überzeugten Nationalsozialisten und Verfolgten. Zwischen Zustimmung, Karrierechancen, Anpassung, Wegsehen, innerer Distanz, offenem Widerspruch und aktivem Widerstand lagen viele Abstufungen. Eine lokale Geschichte der NS-Zeit muss deshalb beides betrachten: die Handlungsspielräume einzelner Menschen und die Strukturen, die das Regime trugen.

Besonders bekannt ist Bischof Clemens August von Galen. 1941 wandte er sich in öffentlichen Predigten gegen Klosterenteignungen und gegen die Ermordung von Kranken und Menschen mit Behinderungen im sogenannten „Euthanasie“-Programm. Sein öffentliches Auftreten war außergewöhnlich und riskant. Zugleich steht seine Biografie nicht stellvertretend für die gesamte münsterische Gesellschaft und ersetzt nicht die Auseinandersetzung mit Mitwirkung, Anpassung und anderen Formen des Widerstands.

Der Krieg kommt nach Münster zurück

Seit 1940 wurde Münster immer wieder aus der Luft angegriffen. Besonders verheerend war der Tagesangriff vom 10. Oktober 1943, bei dem nahezu 700 Menschen starben. Bis Kriegsende zählte die Stadt mehr als 1.100 Luftalarme und mehr als 1.600 Bombentote.

Die Zerstörung war enorm: Der Gesamtzerstörungsgrad lag bei mehr als 60 Prozent, die Altstadt war zu über 90 Prozent zerstört. Von fast 34.000 Wohnungen blieben nur gut 1.000 unbeschädigt. Strom-, Wasser-, Verkehrs- und Krankenhausinfrastruktur brachen weitgehend zusammen. Rund 2,5 Millionen Kubikmeter Schutt lagen in der Stadt.

Am 2. April 1945 nahmen britische und amerikanische Truppen Münster ein. Damit endeten für die Stadt sowohl die nationalsozialistische Herrschaft als auch die unmittelbaren Kampfhandlungen. Das Ende kam jedoch nicht ohne weitere Opfer: Die Fortsetzung des Kampfes in den letzten Tagen verursachte nach städtischer Darstellung nochmals rund 100 vermeidbare Todesopfer.

Dieser 2. April ist deshalb eine klare historische Zäsur: Auf Diktatur, Verfolgung und Krieg folgten Besatzung, Entnazifizierung, politische Neuordnung und ein materieller Wiederaufbau, dessen Entscheidungen das Stadtbild bis heute prägen.

Was heute noch sichtbar ist – und was nicht

Viele Gebäude der NS-Zeit sind verschwunden, umgenutzt oder im Bombenkrieg zerstört worden. Umso wichtiger sind die erhaltenen Orte, Gedenkzeichen und Forschungsangebote. Sie zeigen unterschiedliche Ebenen der Geschichte: Täterverwaltung in der Villa ten Hompel, Verfolgung und Deportation am früheren Gertrudenhof, zerstörtes jüdisches Leben an der Klosterstraße, Gestapo-Gewalt im Zwinger und die städtische Gesamtgeschichte im Stadtmuseum.

Eine historische Topografie darf diese Orte aber nicht zu isolierten „Stationen“ machen. Die Verfolgung geschah in einer bewohnten Stadt, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter lebten an über 180 nachgewiesenen Standorten, Behörden arbeiteten in normalen Verwaltungsabläufen und Deportationen wurden öffentlich vorbereitet. Gerade diese Nähe ist ein zentraler Teil der lokalen Geschichte.

Quellen und Vertiefung