Masematte
Städtische Sondersprache beziehungsweise sozial gebundener Sonderwortschatz. Einflüsse kommen unter anderem aus Rotwelsch, Jiddisch, Romanes und Niederdeutsch. Entscheidend sind Milieu, Funktion und die besondere Lexik.
Münsters besondere Stadtsprache
Masematte ist die historische Sondersprache Münsters. Sie entstand in den Arbeiter- und Handelsmilieus der Stadt, prägte über Jahrzehnte bestimmte Viertel und lebt bis heute in einzelnen Wörtern weiter. Wer verstehen möchte, was hinter Leeze, jovel und dieser besonderen Sprachform steckt, findet hier Herkunft, Einordnung, 33 typische Wörter und die wichtigsten Orte ihrer Geschichte.

Masematte ist eine historische Sondersprache aus Münster und wird sprachwissenschaftlich als regionaler Soziolekt beziehungsweise Rotwelsch-Dialekt eingeordnet. Ihre Eigenart liegt vor allem im Wortschatz: Begriffe aus Rotwelsch, Jiddisch, Romanes und Niederdeutsch wurden in die örtliche deutsche Umgangssprache eingebettet.
Gesprochen wurde Masematte vor allem in sozialen Milieus der damaligen Arbeiterquartiere. Sie konnte Gespräche beim Handel oder gegenüber Außenstehenden abschirmen und zugleich die Zugehörigkeit innerhalb der Sprechergruppen stärken. Deshalb ist Masematte weder eine bloße Spaßsprache noch eine vollständig eigenständige Sprache mit eigener Grammatik.
Erste Beschreibungen stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, ungefähr aus der Zeit um 1870. Die Sprache entwickelte sich in einem städtischen Umfeld, in dem westfälisch sprechende Münsteraner mit Händlern, Handwerkern und anderen Gruppen in Kontakt kamen. In den Wortschatz flossen dabei unter anderem Jiddisch, Romanes, Rotwelsch und niederdeutsche Elemente ein.
Die Bezeichnung „Masematte“ wird auf einen hebräisch-jiddischen Ausdruck für Verhandlung beziehungsweise Geschäft zurückgeführt. Das passt zur historischen Funktion: Ein besonderer Wortschatz half beim Handeln und bei der Verständigung innerhalb bestimmter Gruppen, ohne dass Außenstehende alles verstehen mussten.
Städtische Sondersprache beziehungsweise sozial gebundener Sonderwortschatz. Einflüsse kommen unter anderem aus Rotwelsch, Jiddisch, Romanes und Niederdeutsch. Entscheidend sind Milieu, Funktion und die besondere Lexik.
Regionale niederdeutsche Mundart mit eigener sprachgeschichtlicher Entwicklung und deutlich größerer regionaler Verbreitung. Masematte und Platt gehören zur Sprachgeschichte derselben Region, sind aber nicht dasselbe.
Wer in Münster „Leeze“ oder „jovel“ sagt, spricht deshalb nicht automatisch Platt. Es sind Wörter aus einem anderen historischen Sprachzusammenhang.
Heute besonders sichtbar
Leeze, Lowine und jovel nennt die Universität Münster ausdrücklich als Begriffe, die die meisten Münsteraner kennen. Einige weitere Wörter tauchen ebenfalls regelmäßig in lokaler Kultur, Medien und Alltagssprache auf.
Mehr als drei Kultwörter
Der historische Wortschatz war sehr viel größer als das, was heute allgemein bekannt ist. Diese kuratierte Auswahl umfasst 33 Begriffe aus Materialien der Universität Münster und ordnet sie nach Themen. So bleibt die Liste auch dann übersichtlich, wenn sie später weiter wächst.
| Wort | Bedeutung |
|---|---|
| jovel | gut · schön |
| schovel / schofel | schlecht · übel |
| meimeln | regnen; auch: pinkeln |
| Meimelatur | Regen |
| kneistern | gucken · schauen |
| kote | klein |
| Ömmes | Wahrheit |
| Wort | Bedeutung |
|---|---|
| Kaline | Mädchen · Frau |
| Seeger | Mann · Kerl |
| Koten | Kind |
| Malocher | Arbeiter |
| Masematte | die Sprache; Name aus Verhandlung / Geschäft |
| Rakawele | Sprache |
| Oberrakawele | Standarddeutsch |
| Lobbenart | Dialekt |
| Jontef | Spaß |
| Wort | Bedeutung |
|---|---|
| Lowine | Bier |
| Finne | Flasche |
| pien | trinken |
| Pichelbeis | Kneipe |
| Bölkenpani | Wasser mit Kohlensäure |
| verkasematuckeln | genüsslich essen |
| Fusel | billiger Schnaps |
| Wort | Bedeutung |
|---|---|
| Lowi | Geld |
| Patte | Geldbörse |
| Maloche | Arbeit |
| Wort | Bedeutung |
|---|---|
| Malessen | Probleme |
| Schmiere | Polizei |
| verkonsemaknispeln | klarmachen |
| lobbe | Gesicht |
| Wort | Bedeutung |
|---|---|
| Leeze | Fahrrad |
| Kotenbeis | Kinderhaus (Stadtteil) |
| Kaff | Dorf |
| Lorenz | Sonne |
| Finne | Flasche |
Die ursprüngliche Masematte wird nicht mehr als Alltagssprache einer historischen Sprechergruppe verwendet. Einige Wörter haben den Sprachwandel jedoch überlebt. Besonders Leeze für Fahrrad, Lowine für Bier und jovel für gut sind in Münster weiterhin sichtbar; auch schofel beziehungsweise schovel oder meimeln begegnen in lokaler Kultur und in einzelnen Alltagssituationen.
Sprachwissenschaftler bezeichnen den heutigen Gebrauch neu gelernter oder kulturell gepflegter Wörter als Sekundär-Masematte. Funktion und Sprecherkreis unterscheiden sich damit deutlich von der historischen Masematte.
Historisch werden vor allem das Kuhviertel, das Viertel um die Sonnenstraße, Pluggendorf und Klein-Muffi genannt. Viele Menschen dort lebten in einfachen Wohnverhältnissen; unter den Bewohnern waren auch jüdische Familien sowie Sinti und Roma. Die Geschichte der Sprache ist deshalb eng mit Münsters Sozialgeschichte verbunden.
Die Geschichte darf nicht auf charmante Lokalwörter reduziert werden. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden viele Menschen aus den historischen Sprechergruppen verfolgt und ermordet. Im Zweiten Weltkrieg wurden zudem große Teile der Stadtviertel zerstört, in denen die Sprache sozial verankert gewesen war.
Damit gingen Sprechergruppen und alltägliche Sprachräume verloren. Nach dem Krieg verschwand die ursprüngliche Form weitgehend. Dass einzelne Wörter heute wieder positiv mit Münster verbunden werden, ist eine spätere Entwicklung und sollte von dieser historischen Zäsur unterschieden werden.
Die heutige Bedeutung reicht über lokale Kultwörter hinaus. 2024 nahm Nordrhein-Westfalen die Rotwelsch-Dialekte als Träger kultureller Ausdrucksformen in der Gegenwart in sein Landesinventar des Immateriellen Kulturerbes auf; die Münsteraner Masematte wird ausdrücklich als Beispiel genannt.
2025 folgte die Aufnahme der Rotwelsch-Dialekte in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Damit wird nicht behauptet, die historische Sprecherwelt bestehe unverändert fort. Anerkannt wird vielmehr die kulturelle Weitergabe und Beschäftigung mit diesen Sprachformen in der Gegenwart.
Masematte erzählt mehr über Münster als eine reine Vokabelliste. Ihre Geschichte berührt Handel, Arbeit, soziale Unterschiede, Migration, Ausgrenzung, Verfolgung und Zusammengehörigkeit. Gerade die Mischung unterschiedlicher sprachlicher Einflüsse zeigt, dass städtische Kultur schon im 19. Jahrhundert aus vielen Begegnungen entstand.
Für einen heutigen Münster-Besuch entsteht daraus ein zusätzlicher Blick auf bekannte Viertel: Das Kuhviertel, Pluggendorf und das Herz-Jesu-Umfeld sind nicht nur Orte mit eigener Atmosphäre, sondern auch Schauplätze einer sozialen Sprachgeschichte, die im Stadtbild selbst kaum noch unmittelbar sichtbar ist.
Masematte ist eine historische Münsteraner Sondersprache beziehungsweise ein regionaler Soziolekt. Charakteristisch ist vor allem ein besonderer Wortschatz mit Einflüssen aus Rotwelsch, Jiddisch, Romanes und Niederdeutsch, der in die örtliche Umgangssprache eingebettet wurde.
Nicht mehr in ihrer ursprünglichen sozialen Funktion. Einzelne Wörter sind aber im Münsteraner Alltag erhalten geblieben. Sprachwissenschaftlich wird die heutige, neu gelernte Verwendung solcher Begriffe als Sekundär-Masematte bezeichnet.
Nein. Münsterländer Platt ist eine regionale niederdeutsche Mundart. Masematte war ein sozial gebundener Sonderwortschatz mit mehreren sprachlichen Quellen und einer anderen historischen Funktion.
Die Universität Münster nennt Leeze, Lowine und jovel ausdrücklich als Begriffe, die die meisten Münsteraner kennen. Auch schovel beziehungsweise schofel, meimeln und Kaline werden häufig als Beispiele verwendet.
Historisch genannt werden vor allem das Kuhviertel, das Viertel um die Sonnenstraße, Pluggendorf und Klein-Muffi im heutigen Herz-Jesu-Umfeld.
Leeze bedeutet Fahrrad. Das Wort gehört zu den bekanntesten Masematte-Begriffen und ist bis heute eng mit Münsters Fahrradkultur verbunden.
Wortschatz und Schreibweisen können je nach Quelle und Traditionszusammenhang variieren. Die Auswahl auf dieser Seite dient der verständlichen Einführung und ersetzt kein sprachwissenschaftliches Wörterbuch.